«Was widerfährt einer Frau, die Abwechslung liebt und stets neue Eindrücke sucht – einer Unsteten also, die normalerweise ständig unterwegs ist – wenn das fast alles wegbricht? Man würde vermuten, dass sie in sich zusammenbricht. Nichts dergleichen!

Was da gerade passiert, ist in etwa das letzte, was ich im doch schon 75 Jahre langen Leben erwartet hätte. Wow, sage ich, welch aufregendes (auf mehren Ebenen) Geschehen, wie interessant und spannend ist denn das, was der Welt passiert, damit auch mir selber.

Angst? Kommt mir nicht mal in den Sinn. Ich weiss, theoretisch, dass ich eine fragile Alte bin und zur Gruppe der Gefährdeten gehöre und deshalb geschützt werden muss. Das ärgerte mich zuerst, ich fühlte mich bevormundet und diskriminiert und ich maulte etwas bockig. Machte aber, was ich machen soll, schöpfe aus, was noch erlaubt ist, geniesse die leeren Strassen, Lauben, letztmals Läden und Lokale, Kino.

Da sich die Ereignisse überstürzen, überwiegt schnell das Interesse an den News, es wird fleissig geguckt, gehört, telefoniert, gemailt, Links hin und her geschickt, auch falsche, Aufregung pur. Und langsam weiss ich, welchen Stimmen ich zuhören soll, vertrauen will, vieles wiederholt sich, kann und darf übersehen und überhört werden. Ich staune über die Haltung und die Professionalität der PolikerInnen, wie schnell die einschätzen, abwägen, verordnen, immer massvoll, angemessen, bin voller Respekt und freue mich, dass sich daraus wieder Vertrauen in die Behörden generieren wird.

Nachbarinnen bieten Hilfe an, ich selbst kontaktiere Bekannte, die etwas ins Abseits geraten sind, löse Kettenreaktionen aus damit, welche Freude. Da wächst etwas, weit und breit sind die Leute meist ängstlich und eingeschüchtert, ich bin voller Hoffnung auf den kommenden Wandel. Denn alles, was Greta nicht schaffte, gelang dem Virus innerhalb einer Woche, das ist schlicht und einfach grossartig, kommt mir vor wie ein modernes Märchen, ein Märchen aus dem 21.Jahrhundert.

Die täglichen E-Bike-Ausfahrten, gelegentlichen Einkäufe (noch), die Kontakte auf Distanz mit Nachbarinnen, Bekannten, Zufälligen genügen vollauf, ich lebe seit 35 Jahren alleine, bin mir nichts anderes gewohnt, ist mir recht und lieb. Jetzt ist die erste Corona-Woche schon vorbei, tatsächlich ging das sehr, sehr schnell. Theoretisch hätte das grausam langweilig sein können, war es eben nicht, erstaunlich.»