Die 20-jährige Schweizer Autorin Ronja Fankhauser hat ein autobiografisches Buch über das Erwachsenwerden geschrieben. In «Tagebuchtage, Tagebuchnächte» hält sie fest: «Es fühlt sich falsch an, die emotionalste Zeit des Lebens in kalte Wissenschaft zu verpacken, von aussen aufzuzeichnen oder nachzuahmen, so zu tun, als könnten wir je eine neutrale Sicht auf das Innenleben eines Teenagers gewinnen.» Sie verdienen mit Jugendforschung ihr Geld. Was würden Sie Ronja Fankhauser antworten? 

Dass sie natürlich Recht hat: Das Erwachsenwerden ist die intensivste Lebensphase und gleicht oft einer emotionalen Achterbahnfahrt. Man hadert mit sich selbst, mit anderen und mit der ganzen Welt. Gleichzeitig muss man die Weichen für die Zukunft stellen – alles prallt aufeinander. Dieses subjektive Gefühl kann man nicht wissenschaftlich erfassen. Was man aber erfassen kann – und das ist der Anspruch meiner Arbeit als Jugendforscher – sind kollektive Aussagen über das Erwachsenwerden. Dass man systematisch nach einheitlichen Mustern sucht, etwa für die emotionale Verarbeitung einer Krise. Selbstverständlich versuchen wir in unseren Befragungen, das subjektive Empfinden unseres Gegenübers auch zu berücksichtigen, am Ende bleibt jeder einzelne und jede einzelne Jugendliche ein eigener Kosmos. 

Das Berner Generationenhaus hat sich im Generationenbarometer auch mit der Befindlichkeit der jungen Erwachsenen auseinandergesetzt – und stellt ein bemerkenswertes Hoffnungsdefizit fest: 42 Prozent der 18- bis 24-Jährigen geben in der repräsentativen Umfrage an, dass es ihnen in ihrem Leben an Hoffnung und Zuversicht mangelt. Erstaunt Sie dieser Befund?

Das dürfte der Corona-Effekt sein. Ihre Ergebnisse zeigen auf, wie sensibel die junge Generation auf Veränderungen im ökonomischen Sektor und den damit verbundenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt reagiert. Dieser Befund steht im Kontrast zu zahlreichen Untersuchungen in den letzten zehn Jahren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Vor der Pandemie blickten die unter 25-Jährigen im historischen Vergleich sehr optimistisch in die Zukunft, seit sich die Wirtschaft von den Auswirkungen der Finanzkrise im Jahr 2008 erholte. Dieser Optimismus ist bei einem Teil der jungen Leute nun verflogen. Corona legt den Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern Steine vor die Füsse.

Werden die jungen Erwachsenen von heute als «Generation Corona» in die Geschichtsbücher eingehen?

Das hängt davon ab, wie lange die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie noch spürbar sein werden. Eines ist aber bereits heute klar: Corona verstärkt die soziale Ungleichheit zusätzlich. Rund ein Viertel einer jeden Generation aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die einen niedrigen oder gar keinen Bildungsabschluss besitzen und die vielleicht auch ungünstige Voraussetzungen von ihren Elternhäusern mitbringen, um in Schule, Ausbildung und Beruf zu reüssieren, werden besonders stark betroffen. Wenn wir also sagen, dass es eine «Generation Corona» gibt, dann trifft dies leider mit einiger Sicherheit für diese 25 Prozent zu. 

Was passiert mit der grossen Mehrheit der Jugendlichen, die gute Karten auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt besitzen?

Das ist der privilegierte Teil, der zu einem grossen Teil kosmopolitisch denkt, sozial und politisch engagiert ist und gute Chancen hat, die Corona-Krise ohne grossen Schaden zu überstehen. Diese Gruppe wird davon profitieren, dass die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation nun Schritt für Schritt pensioniert werden und es einen Bedarf an innovativen, digital denkenden, gut ausgebildeten Nachwuchskräften gibt. 

Sie haben das soziale und politische Engagement angesprochen. Könnte man sagen, dass die restlichen 75 Prozent eher zur «Generation Greta» als zur «Generation Corona» gehören?

Das trifft wohl für gut die Hälfte zu. Wer gut organisiert und lautstark auf eine Klimakrise aufmerksam macht und Wege aufzeigt, wie man ihr begegnet, dem fällt es auch weniger schwer, eine Gesundheitskrise wie die Corona-Pandemie zu meistern und auch die notwendigen Regeln zu akzeptieren, die nötig sind, um die Pandemie durchzuhalten. Hier merkt man, dass wir nicht von «der Jugend von heute» sprechen können, sondern von verschiedenen Gruppen, wobei sich die Mehrheit den Bedingungen und Anforderungen der heutigen Zeit sehr klug und willig stellt. 

Und dennoch hat die Jugend einen schlechten Ruf.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass das schon immer so war. Das hat damit zu tun, dass die unter 25-Jährigen mit einem frischen Blick, mit einem innovativen Geist und auch mit einer Portion Unbefangenheit und Unkontrolliertheit durch das Leben gehen – und dabei intuitiv genau erfassen, vor welchen Problemen die Gesellschaft steht. Dass die junge Generation die Älteren zu grösserer Disziplin und Zurückhaltung auffordert, wie wir es momentan mit der Klimabewegung erleben, hat es in der Geschichte allerdings selten gegeben.

Einige Babyboomer reagieren sensibel auf die Forderungen der Jugend nach mehr Zurückhaltung. Wie erklären Sie sich das?

Die Jugend hält uns mit ihrem Verhalten den Spiegel vor. Intuitiv spüren wir, dass sie wohl Recht haben mit ihren Forderungen. Wir sind aber in unseren traditionellen Verhaltensweisen gefangen. Das gilt etwa auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die junge Generation geht unbefangen an dieses Thema heran und experimentiert mit neuen Modellen und Strukturen, um die verschiedenen Lebensbereiche miteinander in Einklang zu bringen. Auch die Bewältigung dieser neuen Herausforderungen kann für ältere Generationen eine Provokation sein: Sie reagieren mit Zurückhaltung oder Ablehnung, auch wenn sie vielleicht spüren, das hier zukunftsfähige Lösungen erprobt werden. Und dass hier eine neue Generation eigene Antworten sucht auf die Frage, wie wir leben wollen. Deshalb ist für mich Jugendforschung immer auch Zukunftsforschung. Und deshalb appelliere ich: Wenn sich unsere Generation weiterentwickeln soll, ist es notwendig, dass wir ihnen zuhören.

Wie kann das gelingen?

Die junge Generation hat in der Regel ein sehr gutes Verhältnis zu den eigenen Eltern, sie werden sehr geschätzt. Man blickt zu den eigenen Eltern hoch, was ein grosses Kompliment ist. Gleichzeitig gibt es Spannungen zwischen den Generationen, weil die Kinder ihre Eltern zum Umdenken ermahnen. Konflikte sind das Lebenselixier einer Gesellschaft, ohne Konflikte gibt es keine Innovation. Aber nur solange diese konstruktiv und respektvoll ausgetragen werden und das friedliche Miteinander als Ziel haben. Ebenso gefährlich für eine Gesellschaft wie keine Konflikte sind destruktive Konflikte, etwa wenn eine Generation die andere in ihren Verhaltensweisen nicht anerkennt oder zur Seite drängt.

Sie sind Co-Autor der viel beachteten Shell-Jugendstudie. Die jüngste Befragung aus dem Jahr 2019 trägt den Untertitel «Eine Generation meldet sich zu Wort». Sie plädieren dafür, dass man den Jugendlichen zuhört und sie in die politischen Entscheidungsprozesse einbindet. 

Eines der wichtigsten Ergebnisse, das wir aus unserer Studie ableiten können, ist, dass die junge Generation durchaus politisch ist: Fast die Hälfte der unter 25-Jährigen äussert ein echtes politisches Interesse, und das ist sehr viel. Die junge Generation will teilhaben. Gleichzeitig ist die junge Generation nicht ohne Weiteres bereit, in die bestehenden Strukturen der etablierten Parteien einzusteigen. Wir beobachten eine Entfremdung zwischen der jungen Generation, die gerne mitgestalten möchte, und den Parteien, welche sich schwer tun, ihnen den Spielraum zu geben, den sie brauchen. Die jungen Menschen sehen die Parteien als bürokratische Ungeheuer, mit denen man wenig bewegen kann, und sie sehen die Parteien primär als Interessenvertreter älterer Generationen. Damit haben sie gar nicht Unrecht, weil das Durchschnittsalter der Parteimitglieder in Deutschland bei 55 bis 65 Jahren liegt. 

Was ist zu tun?

Den Parteien kommt im politischen Prozess von morgen eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen sich bewegen und auf die Jugendlichen zugehen. Sie müssen ein Interesse daran haben, dass sie die junge Generation mit ihren neuen, innovativen, manchmal unausgereiften, aber dennoch interessanten Vorstellungen in ihre Reihen bekommt. Und wir müssen darüber nachdenken, welche alternativen Formen der Teilhabe es in Parteien geben könnte abseits der heutigen Vollmitgliedschaft mit regelmässigen Basisversammlungen. Wenn sich die Parteien nicht bewegen, drohen sie zu veraltern. Ich hoffe, dass sich in dieser Hinsicht noch vieles Bewegen wird.

Klaus Hurrelmann ist einer der führenden Bildungs- und Sozialisationsforscher Deutschlands. Seit 2002 ist er Co-Autor der viel beachteten Shell-Jugendstudien. Er ist Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

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