Lesen und Schreiben – keine Selbstverständlichkeit

Publiziert: 18.02.2016
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Jeder achte Schweizer Bürger tut sich auch nach der Grundschule schwer, Zeilen wie diese zu entziffern. Auch das Formulieren und Aufschreiben von Texten bereitet vielen Menschen Mühe. Im heutigen beruflichen Umfeld führen diese Einschränkungen oftmals zu einem geringeren Selbstwertgefühl, man traut sich weniger zu und zieht sich zurück. Bereits während der Schulzeit erkannte Schwächen können an vielen Schulen gefördert werden. Wie aber werden Grundkompetenzen bei Menschen gefördert, die bereits fest im Berufsalltag stehen? Und mit welchen Einschränkungen sind Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche im Alltag konfrontiert? Diese und weitere Fragen beantwortet uns Elisabeth Zellweger, Leiterin der Fachstelle für Grundkompetenzen Kanton Bern im Berner GenerationenHaus.

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Wie erkenne ich ob ich eine Lese- und Schreibschwäche habe?
Fühlst du dich unsicher beim Schreiben? Hast du das Gefühl viele Rechtschreibefehler zu machen, oder fällt es dir schwer, verständliche Sätze zu formulieren? Musst du einen Text häufig mehrmals hintereinander lesen, bevor du den Inhalt verstehst? Oder liest du sehr ungerne, weil es dich sehr anstrengt? Wenn ja, dann wäre es möglich, dass du eine Lese- und Schreibschwäche hast.


Mit welchen Einschränkungen sind Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche im Alltag konfrontiert?
Die Anforderungen unserer Gesellschaft sind hoch und wachsen ständig. Nicht nur, dass Fehler kaum toleriert werden. Es gibt kaum mehr Orte oder Arbeitsplätze, an denen nicht geschrieben oder gelesen wird: Sicherheitsvorschriften in der Firma, Weisungen der Geschäftsleitung, Formulare beim Arzt, Berichte im Sozial- und Gesundheitswesen, Offerten im Handwerk, Weiterbildungen um sich beruflich entwickeln zu können, Bewerbungen, Gebrauchsanweisungen von Geräten, Verträge, Geldautomaten, Bank-Zahlungen, Billettautomaten für den Zug oder Bus, Anzeigetafeln, Internet, Handy... All diese Dinge sind sehr viel schwieriger, wenn man nicht so gut lesen und schreiben kann, und sie können Menschen im Alltag behindern.


Können Sie mir eine typische Unterrichtsstunde schildern?
Eine Kursstunde beginnt in der Regel mit einer herzlichen Begrüssung und einem kurzen Einstieg, abends um 19.15 Uhr im 4. Stock des Berner GenerationenHauses. Alle 6-9 Teilnehmenden kommen aus einem bewegten Alltag im Beruf oder mit der Familie. Wenn sie dann angekommen und da sind, sind sie meist auch schon mitten im Thema, weil der spielerische Einstieg sie fast unbemerkt in eine sprachliche Übung geführt hat.

In der ersten halben Stunde wird meist ein gemeinsames Thema erarbeitet. An diesem Abend könnte es z.B. das Wortstammprinzip sein, das die Teilnehmenden in der Gesamtgruppe oder in Untergruppen erarbeiten. Und dass dabei immer wieder gelacht wird zeigt, dass eine entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre herrscht. Danach gibt es eine Pause, in der getrunken und gegessen  wird, was alle mitgebracht haben, und in der der Austausch gepflegt wird. Die Pausen werden sehr geschätzt und genutzt. Im zweiten Teil des Kursabends widmen sich die Teilnehmenden ihren eigenen Lernzielen. Die Kursleiterin bereitet sich auf jeden Teilnehmenden einzeln vor und bespricht erledigte oder künftige Arbeitsblätter, Texte und Aufträge individuell. Es herrscht eine ruhige und konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Der kurze Abschluss am Ende des Abends um 21.15 Uhr dient entweder der Reflexion, der Klärung von offenen Fragen oder einem gemeinsamen Tschüss in den Alltag eines Jeden. 


Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich und sind allfällige Tendenzen auf das Schulsystem zurückzuführen?
Ganz Europa kennt das Phänomen im gleichen Masse wie die Schweiz. Es gibt aber Länder wie z.B. Schottland oder Finnland, die ausserordentlich engagiert Prävention betreiben oder frühzeitig Hilfen anbieten. Das Schweizer Schulsystem basiert stark auf Selektion, d.h. es wird akzeptiert, dass eine Schülerin oder ein Schüler mit einer schlechten Leistung in Deutsch die ersten Schuljahre durchläuft. Schlecht oder langsam lesen zu können bedeutet aber auch, in Mathematik schlechter zu sein (Textaufgaben) oder in NMM oder Französisch. Förderunterricht wird in fast allen Schulen angeboten, aber mit wesentlich zu wenig Kapazität. Die Schule müsste also mehr Ressourcen zur Verfügung zu haben, um nicht selektionieren zu müssen, sondern fördern zu können. Zudem leiden viele Menschen, die in der Schule schlecht waren, unter einem geringen Selbstwertgefühl und trauen sich wenig zu. Das kann und darf jedoch nicht sein. Der Wert des Menschen besteht nicht nur aus Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen. Aber das ist ein sehr grosses Thema mit vielen komplexen Komponenten.


Wie bewerten die Wirtschaft und das Gewerbe die Grundkompetenzen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz?
Im Zeitalter des Fachkräftemangels ist das ein grosses Thema in der Schweiz. Aber solange wir auf ausländische Fachkräfte zurückgreifen können..... Tatsächlich sind viele Branchen unzufrieden mit den Grundkompetenzen der Schulabgänger.


Um welche Grundkompetenzen geht es im Rechenkurs?
Was man nicht täglich braucht, verlernt man auch schnell wieder. Deswegen frischen wir die Grundrechenarten (Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division) wieder auf und verknüpfen sie möglichst mit den Alltagsbedürfnissen der Teilnehmenden. Rechnen mit Geld ist auch ein Thema sowie die Prozentrechnung und das Rechnen mit Massen. Es geht also um das, was der Einzelne im Alltag wirklich braucht.

Welche Kompetenzen werden im Computerkurs geschult?
Den Computerkurs besuchen Personen, die wirklich kaum oder gar keine Erfahrung mit dem Computer haben und in einem Computerkurs der VHS oder Migros überfordert wären. Wir führen sie ins Word-Programm ein, damit sie einen Text selber schreiben können. Wir üben aber auch das Surfen im Internet, das Verschicken von Mails und Anhängen oder das Ablegen von Dokumenten.

Wo stehen die Kursteilnehmenden nach einem halben Jahr Schulung?
Nach einem halben Jahr Lese- und Schreibkurs steht ein Kursteilnehmender mitten im Lernen. Lernen funktioniert nie in einer stetig steigenden Wachstumskurve, sondern immer schwankend. Wir kennen das alle aus dem Sport oder aus der Musik. Unsere Kurse laufen deshalb ein Jahr, damit alle genug Zeit haben, in ihrem Tempo und an ihren eigenen Zielen zu arbeiten. Nach einem halben Jahr haben alle Teilnehmenden ihre Ängste und Hemmungen abgebaut und Fortschritte im Lesen und Schreiben gemacht. Dann sind sie mehr oder weniger weit entfernt von „perfektem“ Schreiben, aber mir persönlichen Fortschritten weitergekommen. Uns ist daran gelegen, dass die Teilnehmenden neue Lernerfahrungen machen und erkennen, dass es bei uns nicht wie in der Schule zu und hergeht, und Lernen ohne Leistungsdruck eigentlich viel besser funktioniert und auch Spass machen kann.

Gibt es in allen Landessprachen Lese- und Schreibkurse?
Ja. Auf der Homepage www.lesenlireleggere.ch finden Sie weitere Infos dazu.

Was würden Sie gerne noch gesagt haben?
Ich möchte allen Menschen, die beim Lesen und Schreiben unsicher sind, Mut machen, sich bei uns zu melden. Es gibt viele Leute, die damit Mühe haben. Alle unsere Teilnehmenden sagen, dass ihnen viel erspart geblieben wäre, wenn sie schon früher einen Kurs besucht hätten. In Bern finden regelmässig gratis Schnupperkurse statt.

Weitere Informationen über die Kurse an verschiedenen Orten im ganzen Kanton Bern finden Sie auf  www.lesenschreiben-bern.ch
oder rufen Sie uns an Tel.Nr.  031 318 07 07.

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