«Der Ruhestand ist eine gefährliche Falle»

Publiziert: 15.05.2018
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Bild: Friederike Asal

Die Bevölkerung wird älter, bleibt aber länger jung: Was bedeutet dies für die Verteilung von Lernzeit, Erwerbsarbeit, Freiheit und Sozialzeit im 100jährigen Leben?

Die Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Michel-Alder widmet sich diesen aktuellen Fragen und hat soeben ein Buch darüber geschrieben. Das von ihr gegründete Silberfuchs Netzwerk setzt sich mit den Herausforderungen des demografischen Wandels auseinander und diskutiert mit Personen aus unterschiedlichen Fachbereichen über die Perspektiven und Ungewissheiten in der Arbeitswelt. Wir haben sie gefragt, was hinter diesem Engagement steckt.

Liebe Frau Michel-Alder, vor Kurzem erschien Ihr neues Buch «Länger leben, anders arbeiten» (Orell Füssli Verlag), was auch der Titel der gleichnamigen Gesprächsreihe war, die Sie bei uns im Berner GenerationenHaus durchführten. Was gab den Ausschlag, dieses Buch zu schreiben? 

Das deutlich längere Leben für die Bevölkerungsmehrheit, eingebettet in eine höchst dynamische Arbeitswelt, ist für mich das grosse Thema im gesellschaftlichen Wandel. Die Hälfte der heute Zwanzigjährigen wird über 100 Jahre alt, muss sich also auf 60 Erwerbsarbeitsjahre einstellen. Doch die meisten trotten durch ihr Berufsleben mit dem biografischen Muster ihrer Ahnen vor Augen. Diskutiert wird punktuell im Zusammenhang mit Volksabstimmungen, ob die angesparten Renten ausreichen, wenn alle Menschen zehn oder fünfzehn Jahre länger davon zehren möchten. Doch für den biografischen Langstreckenlauf braucht es ganz andere Ressourcen als nur ein monatliches Einkommen. Der einst gepriesene «Ruhestand» erweist sich überdies als gefährliche Falle für die geistige und soziale Fitness; die älteren Erwerbstätigen in ihren Siebzigern sind nämlich deutlich gesünder und vifer im Kopf als ihre ausgestiegenen, ruhig gestellten Kolleginnen und Kollegen. Umdenken und Umhandeln tun in verschiedener Hinsicht not; zu solchen Diskussionen möchte das Buch beitragen.

Welche persönliche Motivation steckt hinter dem Buch?

Wie andere Frauen und Männer meiner Generation versuche ich, das Älterwerden unter andern Bedingungen neu zu erfinden und mittels Versuch und Irrtum andere Verhaltensmuster zu entwickeln.

Sie sind vielseitig interessiert und beschäftigt; Sie gründeten das Silberfuchs-Netz, schreiben Publikationen, beraten Unternehmen und engagieren sich in diversen Stiftungen und Vereinigungen. Was sind Ihre Pläne für den eigenen Unruhestand bzw. das «flexible Rentenalter», wie Sie es nennen?

Mir leuchtet ein, was unsere Urgrosseltern machten: Engagiert arbeiten, im Austausch bleiben und bis zuletzt gesellschaftliche Beiträge leisten, halt in dem Mass, das in der jeweiligen Phase zuträglich ist. Ich liebe meine Erwerbstätigkeit und lebte bisher so viele, auch abenteuerliche Möglichkeiten, dass es keinen Nachholbedarf gibt, auch nicht an Einkehr, Reisen und Museumsbesuchen. Bloss die Beige ungelesener toller Bücher ist gefährlich hoch.
 
Was halten Sie von der These, dass sich die Diskussion über die alternde Gesellschaft nicht auf den letzten Lebensabschnitt beschränken sollte, sondern wir das lange Leben als Ganzes neu denken sollten?

Natürlich singe auch ich dieses Lied. Wir brauchen in jeder Lebensdekade Arbeit, Bildung, Freiraum und Sozialzeit. Nicht Ausbildung bis 25, dann Stress bei Karriereaufbau und Routinisierung im Job bis zum AHV-Alter und danach die Hände im Schoss, auf Kreuzfahrt oder zuhause.

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Marco Jakob, Pasqualina Perrig-Chiello und Matthias Aebischer in der Diskussion über Zukunftsmodelle | 17. Januar 2018, Berner GenerationenHaus

Bei den Silberfuchs-Debatten im Berner GenerationenHaus ging es oft um die «Ressourcen für ein langes Leben». Was wäre aus Ihrer Sicht ein diesbezüglicher Fortschritt in den nächsten paar Jahren?

Dass alle, auch die über Achtzigjährigen, unbesehen vom Jahrgang in die ausserfamiliäre Mitverantwortung aktiv eingebunden sind und freundlich sowie vorurteilslos gefördert und gefordert werden.

Zu guter Letzt: Was möchten Sie Gleichaltrigen mit auf den Weg geben?

Dass sie nicht auf ihre eigenen Stereotypen und überkommenen Bilder vom Älterwerden hereinfallen. DENN: Wir altern so, wie wir es von uns erwarten. Wer sich mit 70 keinen hohen Berg mehr zutraut, wird wohl keinen mehr besteigen. Wer es wagt, erreicht vielleicht denselben Gipfel auch mit 80 wieder.

Und was möchten Sie jungen Erwerbstätigen mit auf den Weg geben?

Weder Missionierung noch Indoktrinierung, bloss Anregung zum Nachdenken und Ermutigung zum Experimentieren.
 
Wir danken Ihnen für die Antworten und die Zusammenarbeit – und verfolgen gespannt, wie sich die Diskussion um die Zukunft der Erwerbstätigkeit im demografischen Wandel weiterentwickeln wird.

 


 

Die drei Silberfuchs-Debatten zum Thema
«Länger leben – anders arbeiten»
im Berner GenerationenHaus

#1 – 17. Januar 2018 
Mit Pasqualina Perrig-Chiello, Matthias Aebischer und Marco Jakob

#2 – 14. Februar 2018
Mit Martina Zölch, Oleg Lavrovsky, Urs Schmid und Regula Gloor

#3 – 14. März 2018
Mit Regula Bühlmann, Thomas Gächter, Wiebke Twisselmann und Isabel Baumann

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