Stefan von Below war elf Jahre Journalist und elf Jahre in der Kommunikation tätig. Letztes Jahr sattelte er um und wurde Postautochauffeur. Er erzählt, wie es zu diesem radikalen Branchenwechsel kam und was Busfahren mit Achtsamkeit zu tun hat. 

Stefan von Below, Sie waren bis letztes Jahr Kommunikationsbeauftragter beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Wieso gibt jemand eine sichere, gut bezahlte Bundesstelle auf und wird Buschauffeur? 

Es spielte eine Reihe von Faktoren eine Rolle, und es ist das Resultat eines längeren Prozesses. Im Zentrum stand der Wunsch, nach elf Jahren Journalismus und elf Jahren Behördenkommunikation noch einmal eine total neue Welt kennenzulernen. Die Neugier ist ein wichtiger Treiber in meinem Leben. 

Warum gerade Postauto fahren? 

Um es gleich vorwegzunehmen: Es war kein Kindheitstraum von mir, ich hatte lange keinen speziellen Bezug zum Postauto. Die Idee entstand, nachdem ich 2013 mit meiner Frau von Bern nach Hinterkappelen in die Agglomeration gezügelt war. Ab dann pendelte ich mit dem Postauto. So konnte ich den Chauffeuren zuschauen. Ich war beeindruckt von der Gelassenheit und Ruhe, die sie ausstrahlten. Relativ rasch kam mir der Gedanke, dass mir diese Arbeit gefallen könnte. Aber ernsthaft in Betracht gezogen habe ich es damals noch nicht. 

Wann wurde aus der Gedankenspielerei Ernst? 

2018 wurde ich fünfzig und habe eine Laufbahnberatung gemacht. Ich besann mich auf mich selbst zurück: Was mache ich gerne? Was tut mir gut? Was brauche ich, was nicht? Eine weitere wichtige Frage war, was ich sehen möchte, wenn ich mit siebzig auf meine Berufslaufbahn zurückschaue. Meine Antwort: ein Mosaik mit vielen und vielfältigen Erfahrungen. 

Hatten Sie ausser Buschauffeur noch andere Ideen? 

Ich habe über verschiedene Optionen nachgedacht. Als eher pragmatischer Mensch wollte ich eine Lösung, bei der Aufwand und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Ich wollte zum Beispiel nicht noch eine dreijährige, knallharte Pflegeausbildung machen, auch wenn mich dieser Beruf interessiert. Fürs Poschifahren musste ich einen Eignungstest machen und für etwa 10'000 Franken Fahrstunden nehmen. Zudem hat man in der Transportbranche auch mit über fünfzig gute Chancen. Quereinsteiger sind gesucht. 

Wie hat der Umstieg funktioniert? 

Ein Bekannter hat mich auf die Firma Steiner Bus aufmerksam gemacht, die im Auftrag von Postauto neun Linien im Nordwesten Berns bedient. Ich meldete mich und wurde mit dem Chef rasch einig. Nachdem ich den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, kündigte ich meine Stelle beim EDA.

Sie arbeiten nun seit einem guten halben Jahr als Chauffeur. Haben Sie Ihre Berufung gefunden? 

Mit dem Konzept der Berufung habe ich Mühe. Ich bin genau so wenig dazu bestimmt, Postautochauffeur zu werden, wie ich dazu bestimmt war, Kommunikationsbeauftragter im EDA zu sein. «Ich bin viele» ist ein Satz, der mir oft durch den Kopf geht. Ich bin überzeugt, dass in jedem Menschen unterschiedliche Talente schlummern. Aus den verschiedensten Gründen geht man in eine bestimmte Richtung und hat dann vielleicht das Gefühl, das ist es wohl jetzt, also bleibe ich halt dabei. Das wollte ich durchbrechen. Ich habe Geschichte und Politologie studiert und 22 Jahre in intellektuellen Berufen gearbeitet - und habe das gerne gemacht. Jetzt wollte ich einen reizvollen Kontrast setzen zu meinem bisherigen Leben. Wenn ich Glück habe, gibt das im Rückblick dereinst ein rundes Gesamtbild. 

Und in der Gegenwart: War es ein guter Entscheid, Chauffeur zu werden? 

Ich habe ihn keine Sekunde bereut. Im Gegenteil: Ich wurde positiv überrascht. Die Arbeit macht mir Spass und ich geniesse sie jeden Tag. Ich fahre mit einem Postauto durch einen wunderschönen, sozial diversen Raum. Es geht vom Multikulti-Quartier Bethlehem über den Frienisberg mit seinem Bergpanorama durch Wälder, Wiesen und Bauerndörfer, an Kühen vorbei, man riecht die Jahreszeiten. Für mich hat es etwas wahnsinnig Bereicherndes, so intensiv in dieser Welt zu sein. Als Chauffeur erlebt man das Gegenteil von Entfremdung. Was man macht, macht man ganz und ist verantwortlich dafür. Ölstand messen, Kühlwasser messen, Postauto fahren, Postauto waschen, Postauto wischen. In dieser Tätigkeit ist eine Ruhe drin, man kann gar nicht hektisch Poschi fahren. Die Fahrzeuge sind so träge, sie haben etwas von einem Schiff, das überträgt sich. Ich habe das Gefühl, Busfahren ist eine Art Achtsamkeitstraining. Man muss im Moment sein, man muss aufmerksam sein, man muss alles wahrnehmen und darf sich an nichts festklammern. 

Im Vergleich zu Ihren früheren Stellen können Sie Ihre Arbeit aber wohl weniger selbst einteilen. 

Der Fahrplan gibt klare Strukturen. Aber das gibt auch Freiheit. Als Mediensprecher hatte ich keinen klaren Feierabend, die Mails kamen auch am Wochenende, ich hatte nie Ruhe. Als Poschi-Chauffeur weiss ich, wann ich fahren muss und dann fahre ich. That's it. Man nimmt keine Arbeit nach Hause, und das empfinde ich als sehr positiv. Dazu kommt der direkte Kontakt mit den Fahrgästen. Das hat mir in meiner früheren Tätigkeit gefehlt. Meistens wechsle ich nur ein paar Worte, aber es gibt auch längere Gespräche. Gerade für alte, nicht mehr so mobile oder einsame Menschen ist der Kontakt mit dem Chauffeur sehr wichtig. 

Das klingt fast nach der besten aller möglichen Welten. Hat sie keine negativen Seiten? 

Mein Alltag ist durch den Dienstplan bestimmt, und ich musste mich an unregelmässige Arbeitszeiten gewöhnen. Das mit dem Privatleben unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach. Aber die Arbeitszeiten haben auch ihre positiven Seiten. Wenn ich Spätdienst habe, kann ich ausschlafen und gemütlich zmörgele. Frühdienst erlaubt mir, am Nachmittag noch etwas zu unternehmen. Plus: Ich habe eine neue Tageszeit entdeckt: den frühen Morgen. Wenn nach den ersten Fahren im Dunkeln der erste graue Schimmer am Himmel erscheint; das ist so umwerfend schön, da kommen einem die Tränen. 


Das Interview hat Andreas Minder geführt. Es erschien Anfang Juli 2020 unter anderem in: Berner Zeitung, Der Bund, Tagesanzeiger, Basler Zeitung und SonntagsZeitung


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